07.03.2010

Die Legende von Da Tràng : eine Geschichte über endloses Streben

Vor langer Zeit lebte ein Jäger namens Dã Trang, der jeden Tag seinen Pfeil und Bogen nahm und auf der Suche nach Beute in den Wald ging. Jedes Mal wenn er jagte, folgte er dem gleichen Weg, immer an demselben Schrein vorbei, wo zwei gefleckte Schlangen lebten, die er zuerst fürchtete. Doch sie taten ihm nie etwas zuleide, also gewöhnte er sich an ihre Anwesenheit. Mit der Zeit wuchs seine Faszination über ihre anmutigen Bewegungen und die bemerkenswerte Schönheit und den Glanz ihrer Schuppen.

 

Eines Tages, als Dã Trang auf dem Weg zur Jagd war, hörte er Lärm, welcher von dem Schrein ausging. Als er näherkam, wurde er Zeuge eines brutalen Kampfes zwischen den beiden gefleckten Schlangen und einer tödlichen, riesigen Schlange. Er nahm schnell seinen Pfeil und Bogen und schoss diesem ungewohnt feurigen Wesen in den Nacken, während es zurück in den Wald glitt. Eine der gefleckten Schlangen nahm die Verfolgung des verwundeten Angreifers auf, während die andere leblos auf dem Boden lag. Voller Mitleid, begrub Dã Trang sie vor dem Schrein.

 

In der Nacht träumte Dã Trang von einem seltsamen Besuch der überlebenden Schlange. Sie dankte ihm für die Rettung in der Not und dafür, dass ihr Freund eine ehrenvolle Bestattung erhalten hatte. Als Zeichen der Dankbarkeit, schenkte die Schlange ihm eine glänzende weiße Perle, die aus ihrem Mund glitt. Sie sagte: "Lege diese Perle unter deine Zunge, das wird dir helfen die Sprache der Tiere zu verstehen. Es wird sehr nützlich beim Jagen sein."

 

Als Dã Trang erwachte, fand er eine schöne Perle neben seinem Kopfkissen. So wie die Schlange es in seinem Traum gesagt hatte, legte er sie unter seine Zunge, als er an diesem Tag zur Jagd ging. Das erste Tier, das er entdeckte war ein Reh. Doch da sein Pfeil es verfehlte, lief das Reh weg um sich zu verstecken. Zu Dã Trangs Überraschung hörte er eine Krähe schreien:"Ich sehe das Reh ist auf der Flucht - es ging hundert Schritte nach rechts!".

 

Da er die Sprache der Krähe verstand, erkannte er, dass das was ihm die Schlange erzählt hatte wirklich wahr war. So folgte er dem Rat der Krähe und das Reh war leichte Beute. Die Krähe sprach erneut zu  Dã Tràng und forderte ihren Lohn ein. Er gab dem Vogel also alle Teile des Rehs, für welche er keine Verwendung hatte. Dã Tràng und die Krähe beschlossen von nun an zusammen zu jagen. Der Vogel führte ihn zur Beute und der Jäger musste die Eingeweide für die Krähe auf dem Boden liegen lassen.

 

Von nun an halfen sich Dã Tràng und die Krähe jeden Tag beim Jagen. Eines Nachmittags erlegte Dã Tràng ein Wildschwein. Wie üblich schnitt er das Schwein auf und hinterließ die Eingeweide für die Krähe auf dem Boden. Jedoch kam ein anderer Vogel und stahl sie. Als die Krähe kam und nichts entdeckte, war sie sauer und nahm an, dass Dã Tràng sie betrogen hatte.

 

Schnell flog sie zum Haus des Jägers um zu protestieren. Dã Tràng  bestand darauf, dass er die Eingeweide wie versprochen hinterlassen hatte. Doch der Vogel glaubte ihm nicht und nannte ihn einen Lügner. Der junge Mann wurde wütend und schoss einen Pfeil nach der Krähe, der aber sein Ziel verfehlte. Die Krähe packte den Pfeil mit ihren Krallen, schwor Rache und flog davon. Einige Tage später wurde Dã Tràng verhaftet. Ein vergifteter Pfeil mit seinem Namen war im Körper eines Ertrunkenen entdeckt worden. Obwohl er seine Unschuld beteuerte, wurde er ins Gefängnis geworfen.

 

Der junge Mann verbrachte Tage und Wochen im Gefängnis. Eines Tages bemerkte er eine Menge von Ameisen auf der Gefängnismauer, die mit Nahrung auf den Schultern davoneilten. Da er den Grund für diese Eile wissen wollte, erkundigte er sich bei den Ameisen danach. Die winzigen Geschöpfe erzählten ihm, dass eine große Flut kommen würde. Dã Tràng ließ der Wache diese Warnung zukommen, diese meldete es dem Aufseher und der informierte den König. Obwohl er am Anfang skeptisch war, befahl der König alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen. Und in der Tat: Drei Tage später fegte eine starke Flut über das Land.

 

Dankbar für die Rettung seines Reiches, befahl der König Dã Tràng aus dem Gefängnis zu entlassen und ernannte den jungen Mann als seinen Berater. Dã Tràng nutzte seine Fähigkeiten, um das Reich vor Stürmen, Überschwemmungen und durch die Nachrichten von Vögeln und Pferden vor feindlichen Armeen zu beschützen, doch er offenbarte nie die Quelle seiner Macht.

 

An einem schönen Frühlingsmorgen, als Dã Tràng mit dem König segeln war, hörte er seltsame Stimmen unter den Wellen. Er sah einen Tintenfisch neben dem königlichen Boot schwimmen, der ein fröhliches Lied sang. Der Anblick des Tintenfisches, wie er sich im Takt der Wellen bewegte, amüsierte Dã Tràng  so stark, dass er unkontrolliert zu Lachen anfing. Dabei rutschte die Perle aus seinem Mund und fiel ins Wasser.

 

Entsetzt sprang Dã Tràng aus dem Boot und begann verzweifelt das Gewässer abzusuchen. Er rief dem König, erzählte ihm von seiner kostbaren Perle und dass seine Männer ihm helfen sollten, sie zu finden. Also befahl der König Dutzenden von seinen Männern, die Untiefen des Gewässers nach der Perle abzusuchen, doch ihre Bemühungen waren umsonst.

 

Den darauffolgenden Tag setzte Dã Tràng seine Suche fort, doch er fand nichts. Tag für Tag, Woche für Woche, er hörte nie auf zu suchen. Monate und Jahre vergingen, Dã Tràng  blieb an der Küste, immer noch auf der Suche nach seiner Perle, doch er fand sie nie wieder. Er weinte endlos über seinen unwiederbringlichen Verlust. Er verfiel in Elend und bald starb er als unglücklicher, unzufriedener Mensch.

 

Seine untröstliche Seele ging zu den winzigen Sandkrabben, die von Loch zu Loch huschten und jedes Sandkorn umdrehten, im endlosen Versuch, die magische Perle zu finden.

 

Diese Geschichte soll als Erinnerung für diejenige dienen, die über die Grenzen ihrer menschlichen Fähigkeiten gehen und einer unmögliche Aufgabe ohne Erfolgsaussichten hinterherjagen. So wie Dã Tràng, der sich in Millionen von Sandkrabben verwandelte um den Sand für immer zu durchsuchen, jedoch nie sein Ziel erreichte.